Der Aufreger der Woche?
Die Auto Bild stellte kürzlich in einem polemischen Beitrag ihre Sicht auf die werten Radfahrer dar und alle sprangen darauf an. Große Aufregung in der Zweiradgemeinde und fast jeder sah sich genötigt, das Bild mit irgendeiner Replik zurechtzurücken. Da wurde der Gesundheitszustand des Redakteurs angezweifelt, es wurden wenig valide Analogien bemüht, schlechter Journalismus angeprangert sogar ein verschärfter Kulturkampf auf den Straßen befürchtet. Es fanden sich nur wenige qualifizierte Erwiderungen und wer durch die Kommentarspalten bei Facebook & Co. stöberte, stellte auch hier fest, dass bei so einigen der Heiligenschein etwas zu eng sitzt.
Jetzt mal ersthaft: Von der Zeitung mit den vier großen Buchstaben und ihren Ablegern differenzierte gesellschaftspolitische Diskurse zu erwarten, ist reichlich naiv und anzumerken, dass Medien und Konsumentenmagazine insbesondere einer kommerziellen Logik folgen und entsprechend zielgruppenorientiert schreiben, ist geradezu banal. Wird der Beitrag – abgesehen, vom erwartbaren Reflex der Zweiradgemeinde – breite Wirkung hinterlassen? Ganz sicher nicht. Wer eine schlechte Meinung über Radfahrer hat, wird jetzt keine schlechtere haben und wäre mit einem wohlwollenden Beitrag auch nicht umzustimmen. Und anzunehmen, dass die breite Mehrheit, die sowohl Auto als auch Rad fährt, sich in der Meinungbildung durch einen als polemisch erkenntlichen Beitrag beeinflussen lässt, beleidigt schlicht deren Intelligenz.
Aber der Aufreger der Woche zeigt, dass es zu einer differenzierten Diskussionskultur noch ein weiter Weg ist. Das Hier-die-Guten-dort-die-Bösen-Schema erfreut sich ebenso großer Beliebtheit wie die platten Pauschalisierungen Die Autofahrer oder Die Radfahrer. Die Diskussionen waren (z.B. Helmpflicht, Promillegrenze) und sind ideologisch aufgeladen, werden teils hochdogmatisch geführt und ein gegenseitiges Eingehen auf die Befindlichkeiten des Gegenübers findet kaum statt. In der Zweiradgemeinde wird oft die Gleichberechtigung mit anderen Verkehrsteilnehmern eingefordert, jedoch wird dann ein thematisches Cherrypicking betrieben und zu oft wird zu unkritisch mit den an sie adressierten Problemen umgegangen.
Entschlacken wir z.B. den Beitrag in der Auto Bild vom polemischen und pauschalisierenden Ballast, beklagt er, dass Radfahrer in ihrem Verhalten wenig kalkulierbar sind, pöbeln, sich am Auto vergehen und insgesamt wenig Manieren zeigen, was er übrigens “vielen Deutschen” attestiert und somit nicht exklusiv den Radfahrern vorbehält.
Und ehrlich gesagt, hat jeder besagtes Verhalten schon gesehen und erlebt. Aber es ist eben eine Frage wie solches Verhalten wahrgenommen und bewertet wird. Wird beispielsweise aufgrund eines Fehlers gepöbelt, ist das einzuordnen. Und hier liegt der Hase im Pfeffer, um es salopp zu sagen. Es muss das Wissen um den Fehler geben. Allerdings können sich viele Rad- wie Autofahrer nicht in die Situation des anderen hineinversetzen. So können sich z.B. Autofahrer, die im Straßenverkehr kein Rad fahren, nicht vorstellen bei welchem Abstand oder welcher Geschwindigkeit ein Radfahrer das Überholen als bedrohlich empfindet. Ebenso können sich Radfahrer ohne PKW-Erfahrung selten vorstellen, wie irritierend es für Autofahrer ist, wenn sie ohne Handzeichen die Richtung wechseln oder falsch herum durch den Kreisverkehr fahren. Es klingt vielleicht paradox, aber Autofahrer sollten mehr Radfahren und Radfahrer sollten mehr Auto fahren 1, um einfach ein Gefühl für die Befindlichkeiten des Anderen zu bekommen. Vielleicht ist es etwas naiv und optimistisch anzunehmen, dass dieses Wissen ausreicht, um Verhaltenweisen nachhaltig anzupassen, wer aber zumindest darüber nachdenkt, hat vielleicht eine Ahnung, woher es kommt, wenn unverhofft mit dem verbalen Mittelfinger “argumentiert” wird.
Dummes zu tun, ist kein Privileg dummer Menschen und zahlreiche Fußgänger, Radfahrer und Autofahrer stellen im Straßenverkehr den Kopf auf halbdunkel. Das ist nun mal der Status Quo aber hoffentlich keine unabänderliche Konstante.
1 Wer keinen Führerschein hat, dem sei eine Fahrt mit dem Taxi im Bereich Leipziger Str., Friedrichstraße, Torstraße empfohlen. Da hat man nach wenigen Minuten alles gesehen und erlebt. Und keine Angst vor einem Gespräch mit dem/der Taxifahrer_in – so knorrig wie vielerorts behauptet, sind sie nicht.
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