Kant für Radfahrer?

Kant für Radfahrer?

Berlin ist eine allergene Stadt. Lactoseintoleranz hat gefühlt jeder Zweite, Gluten ist Teufelszeug und jetzt hat es uns auch erwischt: Radfahrerintoleranz! Liegt vielleicht daran, dass wir älter geworden sind oder mit Kindern einige Dinge anders sehen.

Leute, die zur Primetime ihr Rad mit Schmackes in die U-Bahn werfen, ohne Rücksicht welches Fahrradteil sich in welchen Körperteil der dicht gedrängten Masse bohrt, gehören mittlerweile zum Lokalkollorit; Muttis, die mit einer Chuzpe, die ihresgleichen sucht, mit ihren Christiania-Rädern alles vom Fussweg wegklingeln, geschenkt. Als wir aber letztens mit Frau und Kind an der Hand aus der Haustür treten und fast umgefahren wurden, war es vorbei mit der Toleranz. Den bösen Spruch, der uns auf den Lippen lag, haben wir uns geschenkt – so schnell kann man den Kindern ja nicht die Ohren zuhalten. Den bekam am Folgetag jemand anderes zu hören, der mich auf dem Weg vom Späti Nachts um eins vom Fußweg klingeln wollte. Neulich sogar den schwarzen Mann getroffen. Nein, nicht den Kinderschreck. War ein Typ mit schwarzen Mantel und hochgekrempelten Jeans auf nem klapprigen Damenrad ohne Licht. Hab ihn im Dunkeln fast über den Haufen gefahren, als er falsch herum durch den Kreisverkehr auf der roten Insel fuhr. Also alles, was in den alten 600er Bremsen noch drin steckte, rausgeholt und ein paar weniger nette Worte gewechselt. Der Schwarze Mann schien etwas irritiert darüber, dass es der Gesundheit nicht zwingend förderlich ist, wenn man Kreisverkehre entgegen der üblichen Fahrtrichtung nutzt.

Nun sei erwähnt, dass in unserem Kiez die Straßen asphaltiert und breit sind und das Verkehrsaufkommen höchst überschaubar ist. Vielleicht waren wir in den letzten Wochen zu oft zur falschen Zeit am falschen Ort. Trotzdem überlegen wir, ob es einen kosmischen Zusammenhang zwischen abnehmender Verkehrsdichte und zunehmendem dussligen Verhalten gibt. Es kam auch kurz der Gedanke die Radfahrer in solchen Situationen mit den Werken Immanuel Kants zu bewerfen – natürlich in der Akademieausgabe. Die ist groß, schwer und zeigt Wirkung. Zudem bekommen sie etwas sinnvolles zu lesen. Geht natürlich nicht, ist auch auf Dauer vom Budget schwierig.

Trotzdem würden wir Kant jedem Verkehrsteilnehmer zur Lektüre empfehlen. Liest sich auch nach 200 Jahren gewinnbringend und taugt durchaus als Kompass für gutes Handeln. Stark verkürzt war Kants Antwort auf die Frage, was wir tun sollen, der kategorischer Imperativ, der heutzutage vielleicht etwas akademisch angestaubt wirkt, aber an Aktualität und Frische nichts eingebüßt hat. “Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne”. Klingt bekannt und haben wir als Kinder so ähnlich schon mal gehört -“Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu”. Die Maximen, von denen Kant spricht, sind persönliche Handlungsgrundsätze, wie z.B. ich will immer pünktlich sein, ich will Menschen in Not helfen etc. Um festzustellen, ob diese gut bzw. moralisch sind und somit als Maxime einer allgemeinen Gesetzgebung taugen, müssen sie der Frage standhalten, ob es gut wäre, wenn alle Menschen sich immer und überall so verhielten. Kant schlägt zur Prüfung eine Universalisierung auf zwei Ebenen vor: 1. Kann man die Maxime widerspruchsfrei als allgemeines Gesetz denken an das sich alle Menschen immer und überall halten müssen. 2. Können alle Menschen dies vernünftigerweise wollen. Für die Aussage Ich will Menschen in Not helfen, lässt sich dies einfach bestimmen. Dabei zählt für Kant der Wille nicht das Ergebnis. Kann man also einem in Not geratenen Menschen selbst nicht helfen, muss man alles tun, damit er Hilfe bekommt. Brennt also das Haus muss man es nicht selbst löschen, aber die Feuerwehr rufen.

Versucht man die Maximen, die hinter den anfangs genannten Erlebnissen stehen so zu denken, kommt man schnell zu dem Schluss, dass sie keine Grundlage für gutes bzw. moralisches Handeln sind. Dass alle Radfahrer immer und überall auf dem Fussweg fahren sollen, ist natürlich unsinnig und das will auch niemand. Will man es verallgemeinern, steht hinter dem Verhalten die Maxime Ich halte mich nicht an die Verkehrsregeln. Sie sind zugegebnermaßen nicht immer optimal, aber ein handhabbarer Kompromiss, der das Verhalten der Verkehrsteilnehmer vorhersehbar machen soll und somit im Idealfall Unfälle und Konflikte verhindet. Aber wir fürchten, dass hinter der permanenten Ignoranz gegenüber den Verkehrsregeln ein grundlegenderes Problem steckt, das auch der olle Kant nicht lösen kann. Vielleicht sollten wir doch mit der Akademieausgabe seiner Werke werfen?

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